Die Suche und Identifikation von Vermissten ist fundamental für den Wiederaufbau

Im Rahmen der Friedensförderung setzt sich die Schweiz für die Suche nach vermissten Personen und deren Identifikation ein. Zu den Schwerpunktländern und -Regionen regionen der Programme der Abteilung Frieden und Menschenrechte gehören die Ukraine, der Kaukasus, Kosovo und der Nahe Osten. Die Schweiz unterstützt zudem den Zentralen Suchdienst des IKRK, und ist Mitbegründerin der Global Alliance for the Missing.

Ein syrischer Flüchtling nimmt seine vermisste Tochter in den Arm und küsst sie auf die Stirn.

Dank Anstrengungen des IKRK, unterstützt von der Schweiz, dem türkischen und dem jordanischen Roten Halbmond, fand ein syrischer Flüchtling seine Tochter wieder. © IKRK/Farah Ibrahim Ahmad Ramadan

Konflikte, Migration, Katastrophen: Jedes Jahr werden weltweit Tausende von Menschen als vermisst gemeldet. Allein in der Ukraine wurden seit dem Beginn der militärischen Aggression Russlands im Februar 2022 über 26 000 Personen als vermisst gemeldet. Der Konflikt hat nicht nur für die Familien, sondern auch für die Gesellschaft verheerende Folgen. Nicht zu wissen, was einem Familienmitglied zugestossen ist, bedeutet nicht nur eine enorme Belastung für die Angehörigen, sondern behindert auch die Anstrengungen zur Förderung des Friedens und des sozialen Zusammenhalts. «Wenn diese Verletzungen nicht angegangen werden, kann es zu einer Spaltung der Gesellschaft kommen. Die Aufklärung des Schicksals vermisster Personen ist wichtig für den Wiederaufbau eines Landes und für die Vergangenheitsarbeit. Andernfalls ist kein dauerhafter Friede möglich», erklärt Rea Gehring, stellvertretende Chefin der Abteilung Frieden und Menschenrechte (AFM) im EDA.

Die Suche nach vermissten Personen und deren Identifikation bildet einen Schwerpunkt in den Programmen, die die Schweiz im Rahmen ihrer Friedenspolitik und ihres Engagements für die von bewaffneten Konflikten betroffenen Menschen durchführt. So ist sie zum Beispiel in der Ukraine aktiv, wo Mitarbeiterinnen der AFM am 24. Oktober 2024 eine Feldmission lancierten. Neben dem Ziel, sich ein Bild der Lage zu machen, steht hier ein Austausch mit den zuständigen ukrainischen Behörden und den einschlägigen zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie die Beurteilung und gegebenenfalls Anpassung der Schweizer Unterstützung im Zentrum.

Material für DNA-Analysen und IT-Ausrüstung für die Ukraine

In der Ukraine, wo im Osten des Landes seit 2014 ein bewaffneter Konflikt herrscht, engagiert sich die Schweiz seit 2016 im Bereich der vermissten Personen. Sie unterstützte die Arbeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Aufgrund des starken Anstiegs der Zahl der vermissten Personen ab Februar 2022 baute die Schweiz ihr Engagement aus. Der entsprechende Entscheid wurde nach dem Besuch von Bundesrat Ignazio Cassis in Kiew im Oktober 2022 getroffen.

Die Suche nach vermissten Personen ermöglicht es, Konfliktlinien und Voreingenommenheit zu überwinden. So kann ein Kommunikationskanal für einen allfälligen künftigen Dialog offen gehalten werden.
Rea Gehring, stv. Chefin AFM

Über die AFM spendet die Schweiz Material, etwa IT-Ausrüstung und Mobiliar, für die ukrainischen Behörden, die für die Suche nach Vermissten und deren Identifikation zuständig sind. «Dadurch konnten 18 Büros in 18 Regionen des Landes eröffnet werden. Auf diese Weise können die Angehörigen effizienter unterstützt werden», erklärt Rea Gehring. Des Weiteren schickte die Schweiz der Ukraine Material für DNA-Analysen zur rascheren Identifikation von sterblichen Überresten.

Claude Wild, ehemaliger Botschafter in der Ukraine, übergibt dem «State Forensic Scientific Research Center» in Kiew Material für die Durchführung von DNA-Analysen.
Die Suche und Identifikation von Vermissten schafft Voraussetzungen für Konfliktlösung und dauerhaften Frieden. Die AFM trägt dazu bei. © EDA

Die Schweiz beteiligt sich auch an der Finanzierung des für den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland eingerichteten Büros des Zentralen Suchdiensts des IKRK (ZSD). Das im März 2022 in Genf eröffnete Büro arbeitet mit beiden Konfliktparteien zusammen. Es sammelt, zentralisiert und übermittelt Informationen über das Schicksal von Zivilpersonen und Militärangehörigen, die von der gegnerischen Seite gefangen genommen wurden. «Die Suche nach vermissten Personen ermöglicht es, Konfliktlinien und Voreingenommenheit zu überwinden. So kann ein Kommunikationskanal für einen allfälligen künftigen Dialog offen gehalten werden», sagt Rea Gehring. «Entscheidend ist der Wille der Konfliktparteien. Aber die Schweiz und die von ihr unterstützten Institutionen geben beiden Parteien diese Möglichkeit.»

Die schiere Anzahl an Fällen ist eine der grössten Herausforderungen

Die Unterstützung der Ukraine bei der Suche und Identifizierung vermisster Personen ist ein wesentlicher Beitrag der Abteilung Frieden und Menschenrechte (AFM) des EDA. Er steht in Einklang mit der Friedensförderungspolitik des Bundes. Zwei AFM-Mitarbeiterinnen sind kürzlich von einer Dienstreise aus der Ukraine zurückgekommen. Der Feldbesuch veranschaulicht das Engagement der Schweiz zur Unterstützung der Ukraine bei der Bearbeitung der aktuell rund 26 000 registrierten Fälle von vermissten Personen.

Rea Gehring, stellvertretende Chefin der Abteilung Frieden und Menschenrechte (AFM) des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA), und die Programmbeauftragte Sonya Elmer reisten im Nachtzug von Südpolen nach Kiew. Das zeigt gleich zu Beginn, mit welchen Hürden die Mission verbunden war. Wir befinden uns zwar in Europa, aber in einem vom Krieg gebeutelten Land, in dem der gesamte zivile Flugverkehr eingestellt ist. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz schildern die beiden in einem Interview ihre Eindrücke vom Engagement der Schweiz bei der Suche nach vermissten Personen in der Ukraine.

Was hat Sie während dieser Reise am meisten beeindruckt?

Rea Gehring: Unsere Reise führte uns nach Kiew, wo ich bereits im April 2022 zu Besuch war, also nur wenige Wochen nach dem Beginn der militärischen Aggression Russlands gegen die Ukraine. Damals war Kiew eine Stadt, die stark vom Krieg gezeichnet war. Man sah zerstörte Panzer und verbrannte Häuser und konnte eine erhöhte Militärpräsenz beobachten. Heute hat man den Eindruck, es sei alles «normal». Wenn man aber mit den Menschen spricht, merkt man natürlich sofort, dass man sich nicht in einer beliebigen Stadt befindet und dass einige hundert Kilometer entfernt Krieg herrscht.

Sonya Elmer: Ich schliesse mich Reas Schilderungen an. Und ich möchte hinzufügen, dass wir das Glück hatten, zu einem sehr ruhigen Zeitpunkt in Kiew zu sein. Es war so ruhig, normal und gleichzeitig voller Leben, dass die Stimmung irgendwie surreal wirkte. Beeindruckt hat mich ausserdem, dass die Menschen offensichtlich den Moment geniessen wollen, weil man eben nie weiss, was der nächste Tag bringt.

Rea Gehring, stellvertretende Chefin der AFM in einer Interviewsituation.
Rea Gehring ist stellvertretende Chefin der Abteilung Frieden und Menschenrechte des EDA. © EDA

Welche Eindrücke haben Sie von Ihrer Reise in Bezug auf die Suche und Identifizierung vermisster Personen?

Rea Gehring: Die Suche und Identifizierung vermisster Personen gehört zu den Prioritäten der ukrainischen Regierung. Auch für die Bevölkerung ist das Thema von grosser Bedeutung. Sehr viele Menschen sind betroffen – sie haben keine Informationen über das Schicksal ihrer Angehörigen, was sehr belastend ist. Wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, wird einem bewusst, dass der Krieg überall Spuren hinterlässt. Unsere Reise hat gezeigt, dass das Unterstützungsprogramm der AFM in der Ukraine relevant und notwendig ist und dass ein enormer Bedarf besteht. Wenn dieses schmerzliche Problem nicht angegangen wird, kann es zu einer Spaltung der Gesellschaft kommen. Die Aufklärung des Schicksals vermisster Personen ist wichtig für den Wiederaufbau eines Landes und für die Vergangenheitsarbeit. Dies ist eine Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden.

Sonya Elmer: Die ukrainischen Behörden berichten nach unserem Kenntnisstand von 26’000 Fällen vermisster Personen. Die sehr hohen Fallzahlen stellen die Ukraine vor grosse Herausforderungen. Fachleute des DNA-Analyselabors, das wir während unserer Reise besuchten, erklärten uns beispielsweise, dass sich die Anzahl der untersuchten Fälle seit dem letzten Jahr verdoppelt habe. Die Mitarbeitenden benutzen ähnliche Analysegeräte wie jene, welche die Schweiz gespendet hat und die in zwei dezentralen Labors in der Nähe der Front eingesetzt werden. Diese Geräte beschleunigen den Prozess und sind angesichts der Anzahl der zu bearbeitenden Fälle von entscheidender Bedeutung. Deshalb hat die AFM beschlossen, den ukrainischen Behörden drei weitere DNA-Analysegeräte zur Verfügung zu stellen.

Mit welchen weiteren grossen Herausforderungen ist die Ukraine bei der Suche und Identifizierung vermisster Personen konfrontiert?

Rea Gehring: Der Zugang zu Informationen ist sicherlich eine weitere Herausforderung. Die AFM setzt sich kontinuierlich für den Dialog zwischen den Konfliktparteien ein, um den Informationsaustausch zu fördern. Im Hinblick auf den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland unterstützt sie ausserdem den Zentralen Suchdienst (ZSD) des IKRK finanziell. Der ZSD arbeitet mit beiden Konfliktparteien zusammen. Er sammelt, zentralisiert und übermittelt Informationen über das Schicksal von vermissten Personen. Die ukrainischen Behörden stehen zudem vor der Herausforderung, die Strukturen und Prozesse zu verbessern, um die Suche nach vermissten Personen in einem vom Krieg zerrütteten Land so effektiv wie möglich zu gestalten. Gleichzeitig ist der Druck seitens der betroffenen Familien sehr gross.

Sonya Elmer, Mitarbeiterin der AFM, in einer Interviewsituation.
Sonya Elmer ist Programmbeauftrage für die Ukraine bei der Sektion Frieden – Europa, Asien und Lateinamerika der Abteilung Frieden und Menschenrechte des EDA. © EDA

Wie unterstützt die Schweiz die Ukraine beim Aufbau dieser Strukturen und Prozesse?

Sonya Elmer: Die AFM befasst sich seit zwanzig Jahren in sehr unterschiedlichen Kontexten mit der Suche und Identifizierung vermisster Personen. Wir haben ein Verständnis dafür entwickelt, wie wichtig dieser Bereich für den Wiederaufbau eines Landes ist, und verfügen über geeignete Lösungsansätze. Dieses Fachwissen stellen wir den ukrainischen Behörden zur Verfügung. In der Ukraine spenden wir also nicht nur Material, sondern setzen uns auch für die Stärkung eines systemischen Ansatzes ein. In diesem Prozess ist jeder Schritt entscheidend: von der Registrierung der Fälle über die Verwaltung von Datenbanken bis hin zur Interaktion mit den Familien, der Suche nach Personen und gegebenenfalls deren Identifizierung.

Was sind die Schwierigkeiten beim Aufbau effizienter Strukturen und Prozesse?

Rea Gehring: Ein Aspekt ist zum Beispiel die Koordination zwischen den verschiedenen Akteuren, die bei der Suche und Identifizierung vermisster Personen aktiv sind. Das können die Ministerien in Kiew, deren Aussenstellen in den Regionen, die regionalen und lokalen Behörden, NGO oder zivilgesellschaftliche Organisationen sein. Es ist nicht immer klar, wo die Verantwortlichkeiten liegen. Unsere Reise brachte diesbezüglich Klarheit. Von den Behörden werden ausserdem materielle Bedürfnisse geäussert.

Welche Rolle spielt in der Ukraine die Justiz im Zusammenhang mit vermissten Personen?

Rea Gehring: In der Ukraine werden viele Dinge durch die Strafjustiz geregelt. Betroffene machen ihre Ansprüche auf Wiedergutmachung meist über den Rechtsweg geltend. Unsere Erfahrungen in anderen Kontexten, z. B. im ehemaligen Jugoslawien oder in Kolumbien, haben jedoch gezeigt, dass Gerechtigkeit aus der Sicht der Opfer im Wesentlichen bedeutet, dass sie die Wahrheit erfahren über das, was ihnen widerfahren ist, oder verstehen, was ihren Angehörigen widerfahren sein könnte.

Für uns geht es auch darum, diese Perspektive zu eröffnen. Gerechtigkeit kann nicht allein auf strafrechtlichem Wege erwirkt werden, sondern erfordert einen breiteren Ansatz, bei dem aussergerichtliche Mechanismen die Strafjustiz ergänzen. Der Umgang mit diesem Thema ist ein weiterer Schwerpunkt des Engagements der AFM. Wir haben es mit den Behörden sowie den Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft, mit denen wir uns getroffen haben, angesprochen. Die Suche und Identifizierung vermisster Personen sowie die gezielte Information von Angehörigen tragen zu diesem umfassenderen Ansatz bei.

Ergebnisse auch Jahrzehnte nach einem Konflikt

Die Suche nach Vermissten und deren Identifikation stehen nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Syrien, im Libanon sowie in Georgien, Kosovo, Kolumbien und Mexiko im Zentrum der internationalen Zusammenarbeit der Schweiz. Die AFM passt ihren Ansatz auf den jeweiligen Kontext an. Ihr langfristiges Ziel ist es, die Voraussetzungen für eine politische Lösung eines Konflikts zu schaffen.

Dank der Unterstützung der Schweiz für das IKRK und eine lokale NGO konnten zum Beispiel in Georgien die Überreste von 13 Personen, die seit dem Abchasienkonflikt von 1992–1993 vermisst wurden, im Juli 2023 den Angehörigen übergeben werden. «Dies ist auch mehrere Jahrzehnte nach dem Konflikt wichtig und trägt zur Vergangenheitsarbeit bei», sagt Rea Gehring.

In Syrien, wo seit dem Beginn des Konflikts im Jahr 2011 rund 130’000 Personen vermisst werden, engagiert sich die Schweiz auf mehreren Ebenen: auf lokaler Ebene durch die Unterstützung von Familien- und Opferorganisationen, auf institutioneller Ebene durch die Aufrechterhaltung des Dialogs mit den zuständigen Behörden sowie auf multilateraler Ebene. Im Juni 2023 war die Schweiz Co-Sponsorin einer von der UNO-Generalversammlung verabschiedeten Resolution zur Schaffung einer UNO-Institution für die Suche nach vermissten Personen und deren Identifikation. Derzeit werden die Grundlagen für die Institution ausgearbeitet. Die Schweiz wird sich weiterhin für deren Errichtung einsetzen. Zurzeit unterstützt sie das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte, das mit der Ausarbeitung des Mandats der Institution beauftragt ist.

Stärkung der forensischen Kompetenzen

Auch auf dem Balkan ist die Schweiz aktiv. In Kosovo unterstützte sie die Polizei bei der Digitalisierung der Archive zu den vermissten Personen von EU- und UNO-Missionen. Zudem bemüht sie sich, die Zusammenarbeit zwischen Kosovo und Serbien durch den Einsatz neuer Technologien bei der Suche nach Vermissten zu erleichtern.

Seit Kurzem ist die Schweiz auch auf dem südamerikanischen Kontinent tätig, und zwar in Mexiko. 2022/2023 wurde ein Programm lanciert, das die forensischen Kompetenzen mexikanischer Spezialistinnen und Spezialisten angesichts der modernen Technologien zur Suche nach vermissten Personen und deren Identifikation stärken soll. Der Kurs wurde vom Centre universitaire romand de médecine légale und der École des sciences criminelles der Universität Lausanne online durchgeführt.

Schweizer Unterstützung für das IKRK

Neben ihrem konkreten Engagement in verschiedenen Regionen der Welt unterstützt die Schweiz auch den Zentralen Suchdienst (ZSD) des IKRK, dem das Sonderbüro für die Ukraine und Russland angegliedert ist (siehe oben). Der vor mehr als 150 Jahren gegründete ZSD in Genf, der sich in vielen Ländern und Regionen der Welt engagiert, ist ein Eckpfeiler der humanitären Tradition der Schweiz.

Anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums des ZSD gründeten die Schweiz und das IKRK 2021 die Global Alliance for the Missing (fr). Diese Allianz, die derzeit zwölf Mitgliedstaaten zählt, hat sich zum Ziel gesetzt, die gemeinsamen diplomatischen Anstrengungen zu verstärken, um dem Verschwinden von Personen vorzubeugen, das Schicksal von Vermissten aufzuklären, den Bedürfnissen der Angehörigen nachzukommen und die Würde der Verstorbenen zu schützen. Im Mai 2023 wurde ein erster Erfolg erzielt. Während einer von der Schweiz geleiteten offenen Debatte zum Schutz von Zivilpersonen im UNO-Sicherheitsrat gab die Allianz ihre erste gemeinsame Erklärung ab. Darin betonte sie, dass die bestehende Kluft zwischen der Resolution 2474 des Sicherheitsrates, der ersten Resolution über Personen, die infolge eines bewaffneten Konflikts vermisst werden, und ihrer konkreten Umsetzung vor Ort überwunden werden müsse.

Die Thematik wird auch in der nächsten Strategieperiode wichtig bleiben.

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