Förderung der Ernährungsvielfalt zur Umsetzung des Ziels «Kein Hunger»

Seit 2015 genügen die weltweiten Anstrengungen nicht mehr, um das zweite Ziel für nachhaltige Entwicklung (SDG 2 «Kein Hunger») zu verwirklichen. Zu dieser Feststellung gelangte das Hochrangige politische Forum für nachhaltige Entwicklung (HLPF), das am 8. Juli 2024 in New York begann. Um Hunger und Mangelernährung zu beseitigen, braucht es nicht nur eine ausreichende Menge an Nahrungsmitteln, sondern auch ein qualitativ hochwertiges Angebot. Da die Nährstoffqualität im Rahmen des zweiten Ziels für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030 bis jetzt nicht gemessen wird, hat die Schweiz in Zusammenarbeit mit anderen Ländern und UNO-Organisationen vorgeschlagen, einen neuen Indikator einzuführen.

Zwei rot und gelb verschleierte Frauen stehen vor ihrem Obststand. Sie sind von Regalen voller Obst und Gemüse umgeben.

Auf dem Magomeni-Markt in Dar Es Salaam, Tansania, wird eine Vielzahl von Lebensmitteln verkauft. © DEZA

Eine unausgewogene Ernährung gehört seit Langem zu den grössten gesundheitlichen Risikofaktoren. Es braucht Massnahmen gegen alle Formen von Mangelernährung. Ernährungsunsicherheit kann sich auf unterschiedliche Weise auf die Ernährung auswirken und erhöht das Risiko von Unterernährung und Wachstumsverzögerungen bei Kindern, aber auch von Übergewicht. Ausserdem gibt die Zahl der zur Verfügung stehenden Kalorien, die mithilfe der bestehenden Indikatoren berechnet werden, keine Auskunft über die Zugänglichkeit der Nahrungsmittel oder die individuelle Ernährung. Deshalb ist es nicht möglich, sich ein genaues Bild von der Ernährungsqualität, der Verteilung der Nahrungsmittel und dem gleichberechtigten Zugang dazu zu machen.

Ungesunde Ernährung ist weltweit die Hauptursache für Gesundheitsprobleme und Krankheiten. Eine vielfältige Kost ist dagegen ein Grundpfeiler einer gesunden Ernährung. Eine wenig abwechslungsreiche Ernährung erhöht das Risiko eines Mikronährstoffmangels, vor allem bei Kindern und Frauen, was die Gesundheit und die physische und kognitive Entwicklung beeinträchtigen kann. Die heutigen Indikatoren zur Beurteilung von Hunger und Mangelernährung berücksichtigen jedoch lediglich die Menge der verfügbaren Nahrungsmittel und lassen qualitative Aspekte wie zum Beispiel die Vielfalt ausser Acht. Dies hat zur Folge, dass die Bedeutung einer gesunden Ernährung für die Umsetzung der Agenda 2030 unterschätzt wird und dass evidenzbasierte Massnahmen zur Verbesserung von Ernährung und Gesundheit über die Ernährungsweise nur sehr begrenzt möglich sind.

Sachverständige und Regierungen arbeiten seit mehreren Jahren an der Entwicklung eines neuen Indikators, mit dem die Ernährungsqualität im Rahmen des SDG 2 gemessen werden kann. Dabei handelt es sich um ein komplexes Instrument, das noch weiter erforscht werden muss. Die Schweiz hat die Entwicklung einer einfachen und kostengünstigen Methode zur Messung der Ernährungsvielfalt unterstützt, die einen Schlüsselaspekt der Ernährungsqualität bildet. In enger Zusammenarbeit mit Brasilien, Bangladesch und Malawi sowie der technischen Unterstützung wichtiger multilateraler Organisationen (FAO, WHO, UNICEF, IFAD und WFP) reichte sie am 29. April 2024 den formellen Antrag ein, einen Indikator zur Messung des Mindestwerts für die Nahrungsmittelvielfalt (Minimum Dietary Diversity, MDD) in das SDG 2 zu integrieren. Der MDD-Indikator wurde der internationalen Gemeinschaft an mehreren Anlässen in Rom und am Rande des HLPF in New York vorgestellt (siehe Kasten). Er wird bereits in vielen Ländern für die Programmüberwachung und -bewertung sowie als Grundlage für politische Massnahmen und Programme verwendet. Ziel ist es, ihn auf breiterer Basis einzuführen.

Viele Frauen stehen in Tansania um einen Kessel auf dem Feuer herum. In der Mitte rührt eine Köchin das Wasser und die zu kochenden Körner um.
Frauen kochen alte Getreidesorten während einer Demonstration in Tansania. © DEZA

Brückenschlag zwischen Statistik und nachhaltiger Ernährung

Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat 2024–2025 den Vorsitz der UNO-Statistikkommission inne und ist Mitglied der Interinstitutionellen Sachverständigengruppe für SDG-Indikatoren. In dieser Funktion hat sich das BFS bei der periodischen Überprüfung der Indikatoren in enger Zusammenarbeit mit dem Statistischen Amt der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen für den neuen Indikator eingesetzt.

Die Festlegung von Indikatoren zur Messung der Fortschritte bei der nachhaltigen Entwicklung ist ein komplexer Prozess, der auf einem umfassenden wissenschaftlichen, technischen und politischen Austausch beruht. Beim SDG 2 sind das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die Schweizer Mission bei den im Ernährungsbereich tätigen UNO-Organisationen in Rom (FAO, WFP, IFAD) sowie die Ständige Mission der Schweiz bei den Vereinten Nationen in New York an den Diskussionen beteiligt.

Hochrangiges Treffen zur Beschleunigung der nachhaltigen Entwicklung

Seit 2012 findet in New York jedes Jahr das Hochrangige politische Forum für nachhaltige Entwicklung statt, an dem Vertreterinnen und Vertreter des UNO-Systems sowie von Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und der Wissenschaft die Fortschritte bei der Umsetzung der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030 überprüfen.

Dieses Jahr wurde die Schweizer Delegation von Markus Reubi, stellvertretender Chef der Abteilung Wohlstand und Nachhaltigkeit im Staatssekretariat des EDA und Delegierter des Bundesrates für die Agenda 2030, geleitet. Der Delegation gehörten zudem Daniel Dubas (Bundesamt für Raumentwicklung ARE) sowie Vertreterinnen und Vertreter der DEZA, des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV), des BFS und der Zivilgesellschaft (Caritas) an.

Die Schweiz organisierte mit Unterstützung von Costa Rica und Malawi, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und der NGO Scaling Up Nutrition einen Anlass zur Bedeutung einer abwechslungsreichen Ernährung und deren Messung.

Indikator für Ernährungsvielfalt: ein neues Instrument zur Messung der nachhaltigen Entwicklung

Die Schweiz setzt sich auf politischer Ebene dafür ein, dass nationale und globale Entscheidungsträger und Interessengruppen den Zugang zu einer gesunden Ernährung für die Bevölkerung überwachen und sicherstellen können. In Zusammenarbeit mit ihren Partnern und mit der Unterstützung mehrerer Länder hat die Schweiz in den letzten zehn Jahren erhebliche Anstrengungen unternommen, um einen Beitrag zu diesem Ziel zu leisten. Sie unterstützte beispielsweise Bemühungen im Hinblick auf eine einfachere, schnellere und damit kostengünstigere Datenerhebung, darunter das Global Diet Quality Project. Diese Daten können global verwendet werden, ermöglichen Vergleiche zwischen Ländern und Regionen und tragen zur Früherkennung von Trends bei.

Mit der Einführung der «Prävalenz für eine minimale Ernährungsvielfalt» (prevalence of minimum dietary diversity) in SDG 2 würde eine wichtige Lücke in der Datenbereitstellung geschlossen. Der neue Indikator könnte zur Ausrichtung der Massnahmen beitragen, die notwendig sind, um das Ziel «Kein Hunger» umzusetzen und eine gute Ernährung, Gesundheit und Entwicklung für die Bevölkerung sicherzustellen, für die die Ziele für nachhaltige Entwicklung gedacht sind.

Der politische und wissenschaftliche Dialog im Zusammenhang mit dem neuen Indikator stärkt nicht nur das Engagement im Feld und in den Ländern, sondern bringt auch weitere Verbesserungen: Förderung eines grösseren Angebots an gesunden Lebensmitteln und der entsprechenden Nachfrage, Senkung der Preise, so dass gesunde Nahrungsmittel erschwinglicher werden, Neuausrichtung der Politik, Anpassung der Lebensmittelinfrastruktur, Änderung des individuellen und kollektiven Verhaltens sowie Eindämmung aller Formen von Mangelernährung. Das Jahr 2025 ist die letzte Gelegenheit, diesen Indikator vor Ablauf der Agenda 2030 zu integrieren.

Verschleierte Frauen stehen in einem Zelt in Niger an einem Stand mit verschiedenen Getreidesorten.
Alte Getreidesorten werden in einem Zelt in Niger verkauft, in einem schwierigen Klima- und Ernährungsumfeld. © DEZA

Langfristige Anpassung der Produktions- und Ernährungsweise – das Projekt Crops for Healthier Diets

Die DEZA unterstützt seit 2020 das Projekt CROPS4HD (Consumption of Resilient Orphan Crop for Products for Healthier Diets), das von Swissaid und dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) durchgeführt wird. Ziel ist es, Faktoren wie individuelles Verhalten, Märkte, gesellschaftliche Organisation und Zugang zu Wissen und Innovation zu beeinflussen. CROPS4HD soll die Nachfrage nach vernachlässigten, fast vergessenen Nutzpflanzen steigern. Dabei werden das Bewusstsein und das Verständnis für die gesundheitlichen Vorteile bestimmter Nutzpflanzen und einer abwechslungsreicheren Ernährung gefördert. Zudem fördert das Projekt direktere Verbindungen zwischen Konsumentinnen und Konsumenten sowie Produzentinnen und Produzenten und setzt auf kurze, agrobiodiverse Wertschöpfungsketten.

Das Projekt konzentriert sich auf drei Schwerpunkte: genetische Vielfalt, Agronomie und agrarökologische Produktion sowie Organisation von Landwirten und Saatgutsystemen. Es fördert die Beratung und den horizontalen Wissensaustausch zwischen Bäuerinnen und Bauern und das gemeinsame Lernen in Bauernschulen. Auf diese Weise können die Landwirtinnen und Landwirte langfristig nährstoffreichere und klimaresistentere Nutzpflanzen für den Eigengebrauch, aber auch für die lokalen Märkte anbauen.

Des Weiteren ist das Projekt auf lokaler, subregionaler, nationaler und internationaler Ebene politisch aktiv. Die politischen Behörden kennen die Realität der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern oft zu wenig und sind sich nicht bewusst, dass sie deren Rechte schützen müssen. Im Rahmen des Projekts werden daher bewährte Praktiken gesammelt, so dass bessere politische Entscheide getroffen werden können. Das Projekt hilft den Bäuerinnen und Bauern sowie deren Organisationen, durch einen intensiveren Dialog mit den politischen Entscheidungsträgern eine aktivere Rolle bei ihrer eigenen Entwicklung zu übernehmen.

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