“Eine unglaubliche Chance”

27.11.2019

Zürich, 27.11.2019 – Rede von Bundesrat Ignazio Cassis anlässlich der Tagung an der Universität zur Förderung der italienischen und der rätoromanischen Sprache in der Schweiz - Es gilt das gesprochene Wort

Rednerin/Redner: Departementsvorsteher, Ignazio Cassis

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident Parolini
Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Casanova
Sehr geehrte Nationalrätin Semadeni
Sehr geehrte Frau BAK-Direktorin Chassot
Sehr geehrte Frau DV-Vizedirektorin Marti
Sehr geehrter Herr Staatskanzler Coduri
Sehr geehrte Frau Mehrsprachigkeitsdelegierte Mariolini
Sehr geehrte Damen und Herren


Obwohl wir uns immer für unsere Mehrsprachigkeit rühmen und stolz auf den Schutz unserer sprachlichen Minderheiten sind, sieht die Wahrnehmung in der breiten Öffentlichkeit zeitweise leider so aus: (siehe Link zu Grafik «Les 3 langues nationales»)

Das ist auf den ersten Blick zwar lustig, aber diese durchaus reale Wahrnehmung ist auch ein Stich ins Herz aller italienisch- und rätoromanischsprachigen Schweizerinnen und Schweizer – sowie eine verpasste Chance für die ganze Schweiz. Dieses mangelnde Bewusstsein für die vier Landessprachen ist in der Tat eine Gefahr für unseren nationalen Zusammenhalt, unsere Werte und unsere Identität.

Das Italienische und das Rätoromanische gehören zur DNA der Schweiz wie das Matterhorn und die Schokolade. Leider sind die zwei Letzten deutlich bekannter als die zwei Ersten.

Rund um den 1. August bin ich dieses Jahr in alle vier Sprachregionen gereist, nach einem einfachen Motto 1-2-3-4, das heisst ein Land, zwei Farben wie in der Schweizer Flagge, drei Tage unterwegs, vier Sprachen. Vom Berner Emmental nach L’Etivaz in den Waadtländer Alpen; von Chiasso nach Zuoz, wo wir das hundertjährige Bestehen der Lia Rumantscha gefeiert haben. Ein hausgemachtes multikulturelles Erlebnis!

Aber es reicht eben nicht, nur am 1. August oder anlässlich von Jubiläen darüber zu sprechen.

Anlässe wie der heutige sind wichtig, damit wir uns als Minderheiten untereinander austauschen und gemeinsam auftreten können, wenn es darum geht, unsere Rechte einzufordern. Sie können aber auch eine bedeutende Gelegenheit zur Sensibilisierung unserer deutsch- und französischsprachigen Mitbürgerinnen und Mitbürger sein.

Ich bin heute da als Tessiner, als Bundesrat und als Aussenminister

Es war mir wichtig, heute zu Ihnen zu sprechen, und zwar aus zwei Gründen:

1) Erstens weil bin in meiner Rolle als Bundesrat für den nationalen Zusammenhalt verantwortlich bin; als italienischsprachiger Bundesrat fühle ich mich persönlich noch mehr verantwortlich dafür. Nach meiner Wahl habe ich nämlich versprochen, mich für die Minderheitensprachen und für die Randregionen einzusetzen.

Als Angehöriger einer sprachlichen Minderheit weiss ich, wie es ist, bei der Arbeit nicht seine Muttersprache sprechen zu können. Bei den Bundesratssitzungen muss ich Deutsch oder Französisch sprechen, wenn ich will, dass die anderen Bundesräte wirklich alles verstehen, was ich sage (und auch dann ist es nicht immer der Fall!). Wenn ich mit Medien aus der Deutschschweiz oder der Romandie spreche, kann ich nicht die gleiche Genauigkeit haben wie in meiner Muttersprache.

Es geht aber nicht nur um die Sprache, denn jede Sprache bringt eine Kultur, eine Weltanschauung, andere Perspektiven mit sich.  Allzu oft wird vergessen, dass das Zusammenleben von vier verschiedenen Kulturen innerhalb eines einzigen Landes zwar keine einfache Angelegenheit ist, aber auch eine unglaubliche Chance darstellt.

2) Auch als Aussenminister bin ich überzeugt davon. Hier sieht man wieder einmal, dass Innenpolitik und Aussenpolitik eng verbunden sind.

Mehrsprachigkeit und Multikulturalität sind zweifellos diejenigen Merkmale, die die Schweiz im In- und Ausland am besten definieren. Im täglichen Umgang mit ihnen konnte sich die Schweiz ihre Fähigkeiten als Brückenbauerin aneignen, für die sie international so geschätzt wird. Unserem ständigen Streben nach interkultureller Verständigung verdanken wir unsere Kompetenzen in der Kunst des Dialogs und des Kompromisses, die wir heute in Form von guten Diensten in verschiedenen Krisen rund um den Globus anbieten können. Die Schweiz geniesst in diesen Fragen hohe Glaubwürdigkeit, da sie international als Modell für ein friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Volksgruppen gilt.

Die kulturelle Vielfalt der Schweiz bekannt zu machen ist daher eine wichtige Aufgabe unserer Vertreterinnen und Vertreter im Ausland und bei den internationalen Organisationen. Aus diesem Grund planen wir ab 2020 die Einführung einer «Emna da la lingua rumantscha» in unserem Aussennetz – zusätzlich zur «Semaine de la langue française» und zur «Settimana della lingua italiana», die schon heute einmal pro Jahr stattfinden.

Jahrhundertelanges Zusammenleben – Zwanzig Jahre Rahmenübereinkommen

Meine Damen und Herren

Unser Multikulturalismus ist ein wichtiges Bindeglied zwischen unserer Innen- und Aussenpolitik. In diesem Sinne feiern wir dieses Jahr das zwanzigjährige Bestehen des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten. (Das 1995 verabschiedete Übereinkommen wurde 1998 von der Schweiz ratifiziert und trat 1999 in unserem Land in Kraft.)

Dieses Rahmenübereinkommen ist das einzige rechtlich bindende multilaterale Instrument, das ausschliesslich dem Schutz nationaler Minderheiten gewidmet ist. Die Verantwortung für diesen völkerrechtlichen Vertrag liegt bei meinem Departement, bei der Direktion für Völkerrecht, die den heutigen Anlass zusammen mit dem BAK organisiert hat.

Die Schweiz beteiligte sich sehr aktiv an seiner Ausarbeitung. Verschiedene Bestimmungen sind direkt von unserer Tradition und Praxis inspiriert. Das Rahmenübereinkommen steht im Einklang mit dem föderalistischen und demokratischen System der Schweiz, das den nationalen Minderheiten grosse Autonomie bei der Entwicklung ihrer Identität gewährt und gleichzeitig ihre Vertretung in den Behörden garantiert.

Dank dem kritischen-konstruktiven Auge des Europarats bleiben zentrale Fragen wie die Vertretung der Minderheitensprachen in der Bundesverwaltung im Blickfeld.

In meinem Departement, dem EDA, gibt es diesbezüglich noch viel zu tun. Die französische Sprachgemeinschaft ist zwar gut vertreten, nicht aber die italienische und die rätoromanische. Wir arbeiten derzeit eine Reihe von Massnahmen aus, um das EDA bei diesen beiden Sprachgemeinschaften besser bekannt zu machen und ihnen die gleichen Chancen zu geben. 

Der Europarat empfiehlt uns zudem, die italienische und die rätoromanische Sprache und Kultur auch ausserhalb des Tessins und des Graubündens zu fördern, und zwar vor allem in den grossen Städten. Die Kulturbotschaft, die BAK-Direktorin Isabelle Chassot vorhin vorgestellt hat, sieht vor, dass in diesem Bereich mehr getan wird. Die beiden betroffenen Kantone, mit denen ich mich im Rahmen eines politischen Dialogs regelmässig austausche, unterstützen dieses Ziel.

Und das ist auch der Grund, warum wir heute Abend nicht in Chur oder in Bellinzona, sondern in Zürich sind!

Die italienische Schweiz und die Rumantschia sind überall

Lassen Sie mich kurz zurückblicken: Vor vierzig Jahren war ich Medizinstudent an der Universität Zürich. Zum ersten Mal realisierte ich wirklich, dass ich einer Minderheit angehörte.

Was wir Tessiner mit den Bündnern lange gemeinsam hatten, war die fehlende Universität im eigenen Kanton. Heute gibt es in meinem Kanton eine Universität, doch bleibt die Tessiner Gemeinschaft in Zürich gross, genau wie die rätoromanische.

Etwa ein Sechstel der Menschen, die Rätoromanisch sprechen, leben in der Stadt Zürich – so viele wie sonst nirgends ausserhalb Graubündens. 2016 eröffnete eine Rumantsch-Kinderkrippe beim Hottingerplatz, und seit zwei Jahren gibt es im Schulhaus Hirschengraben Romanischkurse für Primarschülerinnen und Primarschüler. Darüber hinaus kann man in Zürich italienisch und rätoromanische Sprach- und Literaturwissenschaft studieren, ein Angebot, für das die letzten Jahre gekämpft werden musste.

Die Schweizer Gesellschaft ist mobil geworden, und die sprachlichen Minderheiten bleiben nicht mehr in ihrem angestammten Siedlungsgebiet. Auch die Migration hat zur Veränderung der Sprachenlandschaft beigetragen. Aufgrund der Einwanderung aus Italien – jedes Jahr lassen sich 15 000 Italienischsprachige bei uns nieder – verfügt die Schweiz über die drittgrösste italienische Gemeinschaft der Welt. Interessant ist auch die heute erwähnte Tatsache, dass im Kanton Graubünden die Kinder der ausländischen Arbeitskräfte, vor allem im Tourismussektor, erheblich zur Erhaltung des Rätoromanischen beitragen, da sie es als Schulfach wählen.

Um dieser Mobilität Rechnung zu tragen, ist es notwendig, den Unterricht der Minderheitssprachen im ganzen Land zu fördern. Zugunsten von allen. Denn um eine Kultur am Leben zu erhalten, muss die Sprache auch von Nichtmuttersprachlern gesprochen und erlebt werden können. Wir müssen die Jungen in der Schweiz ermutigen, die ausgetretenen Pfade der «World Culture» zu verlassen und in der Schule auch Italienisch als zweite Landessprache zu wählen. Es ist erfreulich, dass einige Kantone (VD) eine zweisprachige Maturität mit Italienisch und der Möglichkeit anbieten, einen Teil des Gymnasiums im Tessin zu besuchen. Allerdings sind weitere Anstrengungen notwendig, denn solche Schüleraustausche finden vor allem zwischen der Deutsch- und der Westschweiz und viel zu wenig mit der italienischsprachigen Schweiz statt.

Es bleibt also noch sehr viel zu tun, wenn wir unsere französisch- und deutschsprachigen Mitbürgerinnen und Mitbürger «ins Boot holen» wollen.

Es liegt an uns allen, diese wunderbare Chance – unsere kulturelle Vielfalt – mit Enthusiasmus zu leben und dafür zu werben.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um mich bei allen zu bedanken, die sich so engagiert für dieses Thema einsetzen. Ich danke meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bei der Direktion für Völkerrecht sowie denjenigen beim Bundesamt für Kultur, die den heutigen Anlass organisiert haben, ich danke den Kantonen Tessin und Graubünden sowie dem «Forum per l’italiano in Svizzera», der Parlamentarischen Gruppe «Italianità» und unsere Vertreter im Europarat. Des Weiteren geht mein Dank an alle, die im Bildungswesen tätig sind – von der obligatorischen Schule bis zur Universität –, an die Mehrsprachigkeitsdelegierte sowie an sämtliche Vertreterinnen und Vertreter der Minderheiten in der Politik und der Bundesverwaltung.

Es lebe die Vielfalt – denn es gibt keine Schweiz ohne Vielfalt!


Adresse für Rückfragen:

Information EDA
Bundeshaus West
CH-3003 Bern
Tel.: +41 58 462 31 53
E-Mail: info@eda.admin.ch
Twitter: @EDA_DFAE


Herausgeber:

Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten