Eidgenössisches Departement für
auswärtige Angelegenheiten EDA

Die Schweiz und die baltischen Staaten: Was bedeuten die seit 100 Jahren bestehenden Beziehungen?

Estland, Lettland, Litauen: Die drei europäischen Länder feiern den 100. Jahrestag der bilateralen Beziehungen mit der Schweiz sowie die Wiederaufnahme der Kontakte nach dem Ende der UdSSR vor 30 Jahren. Was bedeutet dieses Jubiläum den Menschen, die sich täglich für die Pflege dieser Beziehungen einsetzen? Wir haben sie um ihre Meinung gebeten.

  In Vilnius betrachten die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung Plakate zu schweizerischen Abstimmungsvorlagen der letzten 100 Jahre.

Das Jubiläum wird in den betreffenden Ländern mit zahlreichen Anlässen gefeiert. Hier wird im Mai 2021 die Ausstellung «Votes and Voices» (Schweizer Abstimmungsplakate aus 100 Jahren) in Vilnius eröffnet. © EDA

2000 Kilometer liegen zwischen den Schweizer Bergen mit ihren Alpweiden und den farbenfrohen, fruchtbaren Landstrichen der drei Staaten an der Ostsee – Estland, Lettland und Litauen. Es sind moderne, zukunftsorientierte Länder, die sich tatkräftig den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen. Sie verfügen über eine beeindruckende Kultur, und ihre Identität wurde über die Jahrhunderte von einer wechselvollen Geschichte geprägt. Die Botschaften und Konsulate zeugen von den guten Beziehungen, dem vielfältigen Austausch und dem Vertrauen zwischen der Schweiz und den baltischen Staaten.

Konstantin Obolensky
Konstantin Obolensky ©EDA

«Die Verfassungen von Estland, Lettland und Litauen wurden unter anderem durch die Bundesverfassung beeinflusst»: Konstantin Obolensky, Schweizer Botschafter in Lettland, Litauen und Estland

«Alle drei Länder haben in guter Erinnerung, dass die Schweiz ihre Annexion durch die Sowjetunion 1941 nie anerkannt hat. Die Projekte, die die Schweiz in den 1990er-Jahren im Rahmen der Osthilfe in den drei Ländern finanzierte, sind ausserdem im Gedächtnis der Menschen und der Regierungen geblieben und machten einen spürbaren Unterschied im Leben vor Ort.

Die Beziehungen zu allen Ländern sind sehr gut. Die Schweiz gilt als verlässlicher Partner und geniesst ein hohes Ansehen in den Augen der baltischen Staaten. Ausserdem besteht ein weitgehendes Verständnis für den europa- und neutralitätspolitischen Weg der Schweiz.

Freundschaftlich und herzlich, praxisbezogen, zukunftsorientiert, Naturverbundenheit, Verfassung: das sind die Stichworte, die das Verhältnis zwischen der Schweiz und den drei Ländern charakterisieren. Die Beziehungen sind unter anderem auf der konkreten finanziellen Unterstützung der Schweiz nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit aufgebaut. Die Schweiz und die drei baltischen Staaten sind sehr an Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Digitalisierung interessiert.

In den baltischen Ländern wie auch in der Schweiz gibt es eine grosse Liebe zur Natur. Die Verfassungen von Estland, Lettland und Litauen wurden unter anderem durch die Bundesverfassung beeinflusst oder sogar nach ihrem Vorbild geschrieben. Wir können auf 100 Jahre sehr gute Beziehungen zu Lettland, Estland und Litauen zurückblicken. Jetzt freuen wir uns auf die Zukunft und darauf, unsere langjährigen Partnerschaften weiter zu stärken.»

Ein wenig Geschichte

Alles beginnt mit Beschlüssen des Bundesrats. Wir schreiben das Jahr 1921. Die Schweiz erklärt die «de jure Anerkennung russischer Randstaaten». Estland, Lettland und später auch Litauen werden innerhalb weniger Monate von der Schweiz anerkannt.

Die Länder sind erstmals unabhängig und im Frieden mit dem russischen Reich. Die Schweiz weiht ihre ersten Vertretungen ein. Doch 1940 annektiert die UdSSR die Gebiete und die Beziehungen werden eingestellt. Erst 30 Jahre später, nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Blocks und der neuen Unabhängigkeit der baltischen Staaten, werden sie wieder aufgenommen.

Anerkennung von Estland und Lettland, historisches Dokument, 1921, Dodis

Anerkennung von Litauen, historisches Dokument, 1921, Dodis

Veronika Erte
Veronika Erte © Botschaft von Lettland in der Schweiz

«Das gegenseitige Interesse reicht jedoch weit in die Geschichte»:
Veronika Erte, lettische Botschafterin in der Schweiz

«Ich freue mich über die sehr guten bilateralen Beziehungen zwischen Lettland und der Schweiz in vielen Bereichen. Wir wissen die Freundschaft mit der Schweiz hoch zu schätzen.

2021 gedenken wir des 100. Jahrestages der de iure Anerkennung der Republik Lettland durch die Schweiz am 23. April 1921 und des 30. Jahrestages der Anerkennung der Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Republik Lettland durch die Schweiz am 29. August 1991 sowie der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen am 5. September 1991. Das gegenseitige Interesse reicht jedoch weit in die Geschichte.

Wir sind besonders dankbar, das die Schweiz die sowjetische Okkupation von Lettland im Jahre 1940 nie anerkannt hat.

Ich freue mich besonders, dass der Aussenminister Ignazio Cassis in diesem Jubijäumsjahr einen offiziellen Besuch nach Lettland abstatten wird.

Es ist für mich eine besondere Freude und Ehre gewesen, einen Beitrag zur Vertiefung der bilateralen Beziehungen zwischen unseren Staaten geleistet zu haben.»

Vielfältige bilaterale Beziehungen

Die Schweiz pflegte diplomatische Beziehungen und unterstützte die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen nach der Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit ab 1990 zudem mit zahlreichen Programmen und Massnahmen. Mit der Zeit normalisierten sich die Beziehungen, und dank dem Fortschritt der Reform- und Transformationsmassnahmen in allen drei Ländern erwies sich eine Sonderpolitik als weniger notwendig. Heute unterhält der Bundesrat auf allen Ebenen gute bilaterale Beziehungen.

Bundesrat Ignazio Cassis wird den baltischen Staaten vom 4. bis zum 8. Juli 2021 einen offiziellen Besuch abstatten. Seine Reise wird ihn nach Lettland, Estland und Litauen führen. Am 7. und 8. Juli 2021 wird er auch an der Konferenz zur Reform der Ukraine teilnehmen. Zu den Themen der bilateralen Gespräche gehören die europäische Politik, der zufriedenstellende Verlauf der Zusammenarbeit und die aktuellen internationalen Herausforderungen.

Mehr dazu

Paavo Järvi
Paavo Järvi © Tonhalle-Orchesters Zürich

«Wir tragen die verbindende Kraft der Musik über die Freundschaft zwischen zwei Staaten weit in die Welt hinaus»: Paavo Järvi, Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich

«Mein Name ist Paavo Järvi und ich komme aus Estland. Ich bin Music Director des Tonhalle-Orchesters Zürich und dirigiere auch andere Orchester weltweit.

Musik ist die Visitenkarte Estlands, es erfüllt mich mit Stolz, dass wir in der Schweiz zur Partnerschaft beitragen können, die nun schon hundert Jahre andauert. Mir ist es Erfüllung und eine grosse Ehre, mit einem so traditionsreichen Orchester, das eines der allerbesten weltweit ist, Brücken zu bauen zwischen den Menschen auf dem ganzen Erdball.

Dass wir in der Schweiz engste musikalische Kontakte mit Landsleuten und Freunden wie Arvo Pärt, Erkki-Sven Tüür oder dem Estnischen Nationalen Männerchor RAM pflegen, macht uns zu gegenseitigen Botschaftern. Wir tragen die verbindende Kraft der Musik über die Freundschaft zwischen zwei Staaten weit in die Welt hinaus.»

Toomas Kukk
Toomas Kukk © Botschaft von Estland in der Schweiz

«Eine Premiere! Wir bekommen eine direkte Flugverbindung zwischen Estland und der Schweiz»: Toomas Kukk, Botschafter von Estland in der Schweiz

«Seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 100 Jahren und vor allem in den vergangenen 30 Jahren nach Estlands Wiedererlangung der Unabhängigkeit haben Estland und die Schweiz ausgezeichnete bilaterale Beziehungen aufgebaut.

Unsere Länder arbeiten auch in den internationalen Organisationen erfolgreich zusammen, und das Interesse unserer Unternehmerinnen und Unternehmer an Geschäftsabschlüssen im jeweils anderen Land steigt immer mehr. Unsere kulturellen Kontakte entwickeln sich bestens, und als glänzendes Beispiel dafür dient die Tatsache, dass der Este Paavo Järvi als Chefdirigent des weltberühmten Zürcher Tonhalle-Orchesters fungiert.

In der Schweiz wohnen rund 1000 Estinnen und Esten, die hier studieren oder arbeiten oder aber Schweizer Ehepartner haben. Sie engagieren sich täglich zugunsten der schweizerischen Wirtschaft und Gesellschaft, wahren und pflegen aber gleichzeitig auch die estnische Sprache und Kultur in der Schweiz.

Vor diesem Hintergrund freut es uns umso mehr, dass es ab diesem Sommer – eine absolute Premiere! – erstmals von Swiss betriebene Direktflüge zwischen Estland und der Schweiz geben wird, die Zürich mit Tallinn verbinden.

Bei Anbruch des zweiten Jahrhunderts unserer diplomatischen Beziehungen ist Estland entschlossen, diese für beide Seiten wertvollen Kontakte mit der Schweiz weiter auszubauen und zu vertiefen».

Kulturdiplomatie

Die demografischen Bewegungen von Menschen, die sich in anderen Ländern niederlassen, tragen zur Ausstrahlung der Kulturen und zu den internationalen Beziehungen bei. Ursprungsland und neue Heimat werden zu Orten, an denen sich Künstler entfalten und neue Werke entstehen.

Paavo Järvi, Chefdirigent des berühmten Tonhalle-Orchesters von Zürich, stammt aus Estland und findet wunderbare Worte dafür: «Die Musik ist die Visitenkarte Estlands (…). Es ist mir eine grosse Freude und Ehre, als Brückenbauer zwischen den Menschen aus aller Welt zu wirken».

Dies galt auch für den lettischen Schriftsteller und Dichter Janis Rainis, auch bekannt als «Goethe von Lettland». Er floh aus seinem besetzten Land und verbrachte zusammen mit seiner Ehefrau Aspazija 14 Jahre in Castagnola bei Lugano (1906–1920). In dieser Zeit im Tessin schrieb Rainis die meisten seiner Gedichte. Hier entstand ein bedeutender Teil seines umfangreichen literarischen Werks, das die nationale Identität Lettlands nachhaltig prägte.

Die Stadt Lugano eröffnete 2018 in Zusammenarbeit mit dem Verband der Gedenkmuseen Lettlands eine Ausstellung zum Schweizer Exil von Rainis und Aspazija. (Museo Rainis e Aspazija)

Laimonas Talat-Kelpša
Laimonas Talat-Kelpša © Botschaft von Litauen in der Schweiz

«Die Botschaft von Litauen freut sich, während des diesjährigen Locarno Film Festivals die Ausstellung für zeitgenössische litauische Kunst zu eröffnen»: Laimonas Talat-Kelpša, designierter Botschafter von Litauen in der Schweiz

Der 100. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen zwischen Litauen und der Schweiz bietet die perfekte Gelegenheit, auf unsere Errungenschaften zurückzublicken. Heute arbeiten wir als Partner auf Augenhöhe zusammen und teilen in Europa und darüber hinaus dieselben Werte und Interessen. Unser Handelsvolumen erreicht CHF 250 Millionen und besitzt zusätzliches Wachstumspotenzial. Die schweizerischen Investitionen in Litauen belaufen sich auf knapp CHF 500 Millionen. Auch auf akademischer, wissenschaftlicher und kultureller Ebene findet ein reger Austausch statt. Die zahlreichen Erfolgsgeschichten unserer laufenden bilateralen Zusammenarbeit werden hoffentlich künftige Generationen dazu inspirieren, sich noch ehrgeizigere Ziele zu stecken.

Vor mehreren Jahrzehnten entdeckten litauische Archäologen während einer Expedition in der Nähe von Kaunas den Schaffhausen 3 Kreuzer. Diese Münze aus dem Jahr 1596 ist das älteste Schweizer Geldstück, das je in Litauen gefunden wurde. Sie belegt die langjährigen Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern. Heute könnten die Transaktionen allerdings auch über den Fintech-Sektor von Litauen laufen. Gemäss dem Global Fintech Index 2020 ist Litauens Fintech-Hub der viertgrösste der Welt.

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert zog es viele junge Menschen aus Litauen in die Schweiz und an die dortigen Hochschulen. So stand die Universität Basel bei der wissbegierigen Jugend an siebter Stelle der beliebtesten Destinationen. Diese Tradition setzte sich im 19. und 20. Jahrhundert fort, und auch im 21. Jahrhundert stehen die Chancen gut, dass sich diese Entwicklung weiterhin bestätigen wird, so zum Beispiel in den Bereichen Life Sciences, Biotech und Künstliche Intelligenz.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war ein Schweizer namens Matteo Castelli Litauens wichtigster Baumeister. Zusammen mit einigen Zeitgenossen, die zumeist aus dem Tessin stammten, begründete er eine eigene Architekturschule, die bis heute als «Barock von Vilnius» bezeichnet wird. Die Bauwerke aus dieser Schule prägen das heutige Erscheinungsbild von Litauen und Belarus, dazu gehören auch die bekanntesten Gebäude der Stadt Vilnius. In der Fortsetzung dieser Tradition setzen sich litauische und schweizerische Künstler und Architekten heute noch aktiver für die Entwicklung neuer urbaner und kultureller Projekte ein, die dank dem robusten Wirtschaftswachstum derzeit in beiden Ländern florieren. «Vor diesem Hintergrund freut sich die Botschaft von Litauen, während des diesjährigen Locarno Film Festivals die Ausstellung für zeitgenössische litauische Kunst zu eröffnen.»

Markus Roduner
Markus Roduner © M. Roduner

«Bei der Pflege des Austauschs kommt es stark auf die Initiative Einzelner an» : Markus Roduner

Als Schweizer, der mit dreijährigem Unterbruch seit 1992 in Litauen lebt, durfte ich die Beziehungsgeschichte (eine Anspielung auf Judith Lewonigs höchst empfehlenswertes Buch zum Thema mit dem Titel "Schweiz und Litauen. 15000 Jahre Beziehungsgeschichte. Eine chronologische Übersicht") in den drei Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit am anderen Ende des Beziehungsfadens mitverfolgen. Das Buch meiner geschätzten Kollegin erwähne ich aus gutem Grund, denn es zeigt auf, wie sehr es bei der Pflege des Austauschs insbesondere auf dem Gebiet der Kultur, das mir als Literaturübersetzer und seit kurzem auch Verlagsleiter am vertrautesten ist, auf die Initiative Einzelner ankommt.

Vieles hat sich in der Zwischenzeit vereinfacht: Das Leben als einer der wenigen Schweizer hier in Litauen und wohl auch umgekehrt als Litauer in der Schweiz gestaltet sich heute problemlos. Überhaupt ist ein weiter Weg zurückgelegt worden von den eher chaotischen Zuständen zu Beginn der Neunzigerjahre zur heutigen Normalität und Beinaheselbstverständlichkeit. Ich muss heute besipielsweise bei Lesungen in der Schweiz oder in Deutschland nicht mal als Erstes erklären, wo denn dieses Litauen überhaupt liegt.

Litauer studieren und forschen in der Schweiz, und doch ist der Austausch gerade im kulturellen und Bildungsbereich keinesfalls ausgeglichen. Während das Schweizer Kulturschaffen hier in Litauen nach meinem Gefühl regelmässig zum Zug kommt, halte ich die Lage insbesondere bei der Literatur für eher unbefriedigend. Das liegt natürlich auch daran, dass die Werke litauischer Autoren nicht bei den ganz großen Verlagen erscheinen. Umso wichtiger ist die Initiative des Schweizer Kleinstverlags BaltArt in Langenthal, der unter anderem litauische Klassiker herausgegeben hat, die sonst kaum auf Deutsch erschienen wären.

Mit Blick auf die Zukunft wünsche ich mir einen noch regeren, möglichst ausgeglichen beidseitigen Kulturaustausch zwischen meiner Heimat und meiner Wahlheimat und dass mehr Schweizer Studenten und Kulturschaffende die vorhandenen Möglichkeiten nutzen, um für länger als nur einen Besuch nach Litauen zu kommen und einen tieferen Einblick in die hiesige Lebensart zu gewinnen.

6 wichtige Daten

1921

Die Schweiz anerkennt die drei baltischen Staaten – Estland und Lettland (22. April), Litauen (16. August).

1991

Die drei baltischen Staaten erlangen die Unabhängigkeit nach 50 Jahren unter sowjetischer Besatzung. Die diplomatischen Beziehungen mit der Schweiz werden im September 1991 wieder aufgenommen. Die Schweiz unterstützt die drei Staaten mit zahlreichen Programmen und Massnahmen.

2004

Die drei Staaten treten der Europäischen Union und der Freihandelszone bei.

2006

Das Schweizer Stimmvolk heisst die Kohäsionsmilliarde zugunsten der Ost-Erweiterung der EU gut. Bis 2017 werden in den baltischen Staaten diverse Projekte umgesetzt.

2017

Normalisierung der Beziehungen zwischen der Schweiz und den baltischen Staaten infolge der Fortschritte bei den Reform- und Transformationsprozessen.

2021

100. Jahrestag der Anerkennung der drei Staaten durch den Bundesrat und 30. Jahrestag der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen.

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