Zunft zu Rebleuten 2019

26.10.2019

Riehen, 26.10.2019 - Rede von Bundesrat Ignazio Cassis - Es gilt das gesprochene Wort

Rednerin/Redner: Departementsvorsteher, Ignazio Cassis

Venerabile Maestro della Corporazione dei Viticoltori, caro Fabian Bebler
Hochgeachtete Herren Meister
Hochgeachtete Herren Altmeister
Master of a Worshipful Company of Distillers, Dear Martin Riley
Sehr geehrte Herren Statthalter und Altstatthalter
Sehr Verehrte Ehrengäste und Gäste
Werte Herren Vorgesetzte und Altvorgesetzte
Liebe Zunftbrüder einer Ehrenzunft zu Rebleuten
Stimati Signori

Ich nehme gerne das Wort der Ehrenzunft auf: Es ist für mich eine grosse Ehre, an Ihrem Zunftessen dabei sein zu können, und ich danke Ihnen auch im Namen meiner Frau herzlich für die Einladung.

Sie haben als Thema Ihres Zunftessens «Kalifornien» gewählt. «Kalifornien» ist für meine Generation – «unsere Generation» wenn ich einen Blick in den Saal werfe! – keine blosse Region an der Westküste der USA. Kalifornien weckt Emotionen: «Hollywood, Flower-Generation, Hippies und Schwarzenegger». Kalifornien bedeutet im Kopf vieler Europäer Revolution. Damals die Utopie der Hippies, dann eine linke Regierung inmitten der konservativen Staaten, heute das Silicon Valley mit den Giganten der IT-Revolution. Kalifornien ist Schrittmacher für die gesellschaftliche Entwicklung weltweit!

Dieses Jahr zelebrieren wir das 50-Jahr-Jubiläum des Woodstock Festivals in White Lake. Es war die Spitze der Hippiekultur. By the way, White Lake liegt nicht in Kalifornien, sondern im State of New York, but … who cares . Und Quentin Tarantino hat mit seinem neusten übertriebenen Film «Once upon a time in … Hollywood» ebenfalls für einen mächtigen Flash Back gesorgt!

In der Schweiz feiern wir dieses Jahr das 500-Jahr-Jubiläum Zwinglis. Ein gewagter Vergleich. Dennoch: Jede Ära hat ihre Revolutionen! Heute können wir noch nicht sagen, ob Greta Thunberg in 50 Jahren als grüne Revolutionärin gesehen wird. Aber etwas hat sie bereits letztes Wochenende in der Schweiz bewegt!

All das hat mit dem Weltgeschehen zu tun, betrifft also die Aussenpolitik. Aussenpolitik ist die Politik der Schweiz in der Welt. Wie jede andere Politik spiegelt sie unsere Werte und Interessen. Wer immer noch glaubt, Aussenpolitik sei eine nette Spielwiese für sprachgewandte Diplomaten oder reisefreudige Parlamentarier, irrt sich. Aussenpolitik ist Interessenpolitik: Wie jeder souveräne Staat will auch die Schweiz ihre Interessen im internationalen Umfeld vorausschauend wahrnehmen, beharrlich verteidigen und nachhaltig durchsetzen. Dazu braucht sie eine klare Strategie, die richtigen Instrumente und fähige Diplomaten. Sie braucht aber auch ein koordiniertes Vorgehen und kohärente Positionen.

Nicht weniger, nicht mehr! – habe ich mir zu Beginn meines Mandates vor zwei Jahren gesagt. Und wir haben uns sofort an die Arbeit gemacht:

Aussenpolitik mit der EU – sprich Konsolidierung des bilateralen Wegs. Ihn hat das Volk schon mehrmals bestätigt. Das institutionelle Rahmenabkommen ist ein Meilenstein auf diesen Weg.

Aussenpolitik mit Asien – Absatzmärkte sind für unsere exportorientierte Schweiz entscheidend im Streben nach einer gemeinsamen Wohlfahrt. Der Zweckartikel unserer Verfassung verlangt es. Die Freihandelsabkommen mit China und Indonesien sind heute eine Realität: Demokratie, Menschenrechte, Nachhaltigkeit gehören dazu.

Aussenpolitik mit Afrika – hier geht es in erster Linie um die so genannte Internationale Zusammenarbeit (IZA), d.h. Stabilität, Bekämpfung der Armut, Grundrechte, gute Gouvernanz und Perspektiven am Ort namentlich für die Jugendlichen. Die Instrumente sind vor allem Entwicklungszusammenarbeit und Friedensförderung.

Aussenpolitik mit Amerika – hier sind natürlich die USA ein Schwergewicht. Sie sind nach Europa unser wichtigster Handelspartner, wir sind der siebtwichtigste Investor und der stärkste Treiber für Forschung und Entwicklung. Wir teilen wichtige Werte und Interessen. Auch wenn die Politik der USA heute mit Präsident Trump teils schwer voraussehbar ist, dürfen wir nicht vergessen, dass die USA einen wesentlichen Beitrag zum Multilateralismus leisten.

Und Multilateralismus heisst «Macht des Rechts» statt «Recht der Macht». In der heutigen multipolaren Welt ein unentbehrliches Instrument!

Back to California, zumal das Menu heute Abend ebenfalls dem kalifornischen Way of Life gewidmet ist! Das Silicon Valley als Hot-Spot der Innovation hat immer fasziniert. Aber die Schweiz ist gut gerüstet punkto Innovation. Im Global Innovation Index 2019 stehen wir an erster Stelle, gefolgt von Schweden, den USA und UK. Das ist aber nicht gottgegeben und wir tun gut daran, unsere Rahmenbedingungen kontinuierlich anzupassen. Nur so können wir diese Position weiterhin halten. Der Basler Region mit ihrer Life-Sciences-Industrie schulden wir hier viel, was die Innovation betrifft.

Sie sehen: Mit «Kalifornien» haben Sie ein höchst aktuelles Menu gewählt, das gerade aus «Basler Sicht» gewichtig ist: 2018 erreichte die Handelsbilanz zwischen der Schweiz und den USA rund 50 Milliarden CHF. Dabei gingen nicht weniger als 46 Prozent der Exporte aus den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft in Richtung USA!

Die neuen Technologien eröffnen unserem Land neue Chancen. Die Schweiz setzt sich für weltweit gültige Normen ein, damit die Technologien den Menschen konkret nützen können. So sind wir daran, zur langfristigen Stärkung des internationalen Genf dort den Hub für die digitale Gouvernanz vorzubereiten.

Unter dem Konzept «Science-Diplomacy» hat der Bundesrat zum Beispiel mit der Stadt und dem Kanton Genf eine neue, hochkarätige Stiftung geschaffen: Der Geneva Science-Diplomacy Anticipator soll gesellschaftliche Herausforderungen einer digitalisierten Welt voraussehen und die notwendigen multilateralen Rahmenbedingungen mit der UNO schaffen.

Kalifornien ist auch ein wichtiger Standort in unseren bilateralen Beziehungen mit den USA. Die Schweiz ist in San Francisco mit einem Generalkonsulat vertreten. Das ist eine Plattform, um unsere Interessen und Anliegen dem Gastland näher zu bringen. Vor einem Monat habe ich in Chicago das neue Generalkonsulat eröffnet. Es steht vor allem für das grosse Potenzial, das viele Schweizer Unternehmen – auch aus Basel – im Midwest sehen.

A propos Basel: Bei den US-Importen war der «Basler» Anteil mit 16 Prozent letztes Jahr zwar tiefer als bei den Exporten. Doch ich denke, ein guter Teil dieser Importe bestand aus Weinflaschen aus Kalifornien – direkt also auf die Tische hier im Wenkenpark in Riehen!

Und à propos Wein. Ich habe gehört, dass bei den jährlichen Weindegustationen der Zunft zu Rebleuten jeweils auch Tessiner Merlot im Rennen ist. Das freut mich natürlich! Auch ausländischen Staatsgästen biete ich in Bern oft Tessiner Wein an. Denn der Wein ist ein guter Türöffner, um über Länder, Menschen und Mentalitäten zu sprechen!

Sehr geehrte Anwesende

Der Wein ist nicht die einzige Verbindung, die ich zwischen der Zunft zu Rebleuten und meiner Arbeit als Vorsteher des EDA sehe:

- Im Basel des 14. Jahrhunderts, als Ihre Zunft gegründet wurde, war der Rebensaft «gesünder» als Wasser: Der «sich selber reinigende, gärende Wein verursachte im Gegensatz zum Wasser keine hygienischen Probleme». So steht es in der Publikation zu Ihrem 650-Jahr-Jubiläum. Die Zunft zu Rebleuten war also schon damals wichtig für die öffentliche Gesundheit. Das kann ich als ehemaliger Tessiner Kantonsarzt nur begrüssen!

- Die Rebleute durften den Wein zwar produzieren, Ausschenken und Handel waren aber der Zunft zu Weinleuten vorbehalten. Das kenne ich: Auch in meinem Departement muss man oft erst einmal klären, wer überhaupt für welches Thema zuständig ist.

- Nach ihrer Gründung bildeten die Rebleute zunächst eine Halbzunft. Die andere Hälfte bestand aus den Tuchleuten. Auch als Bundesrat treffe ich oft Vertreterinnen und Vertreter der «Halb»- nicht: Zünfte, sondern -Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Und ich kann Sie beruhigen: Ich nehme sie absolut nicht als «halbe Portionen» wahr! Deshalb bin ich überzeugt, dass auch die Rebleute als Halbzunft schon ganze Arbeit geleistet haben!

- Für mich als Aussenminister ist natürlich Ihr früherer Zunftmeister Johann Rudolf Wettstein besonders interessant. Er erreichte an den Friedensverhandlungen zur Beendigung des 30-jährigen Kriegs im 17. Jahrhundert Bahnbrechendes für die Eidgenossenschaft. Schon damals war diplomatisches Geschick entscheidend, um die Interessen unseres Landes zu wahren. Heute ist das nicht anders! Auch beim InstA.

Sehr geehrte Anwesende

Sie sehen, Ihre Zunft mit ihrer langen Tradition hält einem modernen und aussenpolitischen Blick absolut Stand!

Das reicht aber nicht aus. Unser Land ist stark, weil sich seine Bürgerinnen und Bürger für das Wohl der Schweiz engagieren. Die Aussenpolitik orientiert sich dabei an den Zielen der Unabhängigkeit, der Sicherheit und der Wohlfahrt des Landes.

Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Menschen weiterhin in Freiheit an den politischen Entscheidungen partizipieren können. Dafür müssen wir Sorge tragen. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Das erlebe ich bei Besuchen im Ausland immer wieder!

Auch Ihre Zunft engagiert sich für das Gemeinwohl. Im Mittelalter sorgte sie zwischen Eckturm St. Alban und Aeschentor für den Schutz der Stadtmauer und bekämpfte Brände. Heute hilft sie mit viel Freiwilligenarbeit der Basler Bevölkerung. Das sind wichtige Bausteine: Für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch Chancen haben soll. Und für eine Schweiz mit guten Zukunftsperspektiven.

Ich danke Ihnen dafür – und ich danke noch einmal herzlich für die Gelegenheit, Ihre Zunft bei ihrem Zunftessen zu erleben.

Grazie mille … and now enjoy the American dessert!


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